Ist deutsche Fernsehcomedy noch zu retten?

„Sag mal, ist die deutsche Fernsehcomedy eigentlich noch zu retten?“
Was hört man dann meistens als Standard-Antwort?
„Wir brauchen dringend neue Formate und neue Gesichter. Wenn sich da nichts ändert, dann gibt das mit der Comedy nichts mehr.“
Natürlich ist so etwas schnell gesagt, aber als ich länger drüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass wir gerade im Bereich der Comedy dringend etwas Neues bräuchten.
Was ist lustig?
Diese Frage ist theoretisch einfacher zu beantworten als mit praktischen Beispielen zu belegen. Ein entscheidendes Element in der Comedy bzw. beim Lachen ist das Element der Überraschung.
Man lacht über überraschende Aktionen. Diese Aktionen können wie im Fall von Witzen die Pointe sein. Jemand findet eine Antwort auf ein Problem, die nicht der typischen Erwartungshaltung entspricht, trotzdem aber möglich sein kann.
Treffen sich zwei Musiker.
Fragt der eine: „ Hast du mal ein Tempo?“ „Klar. A one, a two, a one, two, three, four…“
Dieser Witz funktioniert nur dann, wenn dem Zuschauer suggeriert wird, dass es um die Erkältung des ersten Musikers geht.
Durch das Spielen mit Erwartungshaltungen wird aus einem Wortspiel ein funktionierender Witz, da man auf diese Lösung erst einmal nicht kommt.
Ähnlich funktioniert Zaubern, nur wird hier mehr auf die Verblüffung als auf das befreiende Lachen gesetzt.
Oder typische Slapstickmomente, wo einer der Akteure unerwartet hinfällt, sich stößt, getroffen wird, etc. Das Unerwartete ist eine große Quelle des Lachens.
Nicht zuletzt deshalb ist es so einfach Horror und Lachen zu verbinden. Siehe Scary Movie oder meine Lieblingsszene aus dem zweiten Indiana Jones, wo er mit seiner Gefährtin im Urwald übernachtet und sie sich vor einem Tier nach dem anderen erschreckt und zwar solange bis ich vor Lachen nicht mehr konnte.
Gefährlich wird es, wenn die Seh- oder Hörgewohnheit der Zuschauer so trainiert werden, dass sie das Prinzip der Witze oder der Sketch erkennen. Deshalb halten sich gewisse Witze-Trends nur eine begrenzte Zeit.
Irgendwann hat man so viele Blondinen- oder Chuck Norris-Witze gehört, das man in der Lage ist die Pointe vorher zu sagen, da man versteht wie der Witzmechanismus funktioniert.
Ein ähnliches Problem hat die TV-Comedy.
Fernsehen hat die Eigenart von einem Erfolgsprodukt, das gut funktioniert, möglichst viele Variationen zu produzieren. So kommt es, dass es plötzlich unendlich viele Kochsendungen oder Dokus gibt. Aus dem Produkt wird ein Format.
Ladykracher (bzw. Smack the Pony) ist plötzlich die Blaupause für ähnliche Sendungen. Ein Prozess, der aus der Sicht der Sender und Produzenten erst einmal Sinn macht. An Hand des Erfolgsproduktes sieht man wie es geht und (sehr wichtig) das so ein Format beim Publikum an kommt.
Warum jetzt also etwas ganz Neues ausdenken, wenn man doch die Erkenntnisse nutzen kann und ähnliche Sendungen generieren kann?
Selbst die 14. Kochsendung wird langweilig, aber die 14. Sketch-Show wird nicht nur langweilig, sie funktioniert nicht mehr, da der wichtigste Faktor nicht mehr vorhanden ist: Überraschung. Der angeblich so dumme Zuschauer hat den Mechanismus, die Magie der Sendung kapiert.
Einige wenige werden übrig bleiben, wie früher einmal Sendungen von und mit Loriot oder wie ich denke Sendungen mit Anke Engelke und von / mit Bully Herbig, weil sie sich ständig neu erfinden, aber bei den restlichen Formaten kann man / ich kaum noch lachen.
Ist Comedy nicht mehr zu retten? Doch, nur eben nicht mit dem ständigen Wiederholen. Gerade Comedy bedarf des ständigen Neuentwickelns (oder Wartens und dann wieder mit den alten Ideen kommen…). Unter neu verstehe ich nicht die nächste „neue“ Sketchshow, sondern komplett neue Shows. Die vor allem formal und von der Besetzungsseite anders und neu sind.
Was wird aber als Nächstes kommen? Kein Ahnung, aber ich bin mir sicher, irgendwann werde ich wieder lachen, weil jemand auf etwas gekommen ist das ich noch nicht kannte. Ich glaube die Zeit ist reif für größere Änderungen.
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P.S.: Dieses Phänomen ist bei den Stand-Up-Comedians ähnlich. Zwar machen sie formal alle dasselbe, sie reden, aber entscheidend ist über was und wie sie reden. Über viele Themen kann ich oft auch nur noch schwer lachen, weil ich sie in allen Variationen schon gehört habe. Doch immer wenn ich denke, ich kenne alles, kommt irgend so ein Künstler und haut mich mit einer komplett neuen Nummer um. Und dann freue ich mich, dass ich in diesem Geschäft arbeiten kann.

Hi Klaus-Jürgen,
ich kann Dir da absolut nur recht geben! Und genau deshalb ist zum Beispiel NightWash ein so wahnsinnig wichtiger Faktor in der Comedylandschaft. Hier wird immer wieder absolut Neues geboten. Hier haben Newcomer eine Plattform. Und immer noch höre ich Leute, die sagen: “NightWash ? Was ist denn das ?” – Die gucken die bekannten Comedy Sendungen zum x-ten mal rauf und runter und wissen eigentlich gar nicht, was sie verpassen. Ich selbst bin erst seit Ende letzten Jahres aktiver NightWasher und ich bin immer wieder überrascht, wie viel bei NightWash geboten wird. Die vielleicht mittlerweile Comedy-Müde Gemeinde die nw noch nicht kennt, würde ganz sicher mehr als begeistert sein. Meiner Anschicht nach muss die Fan-Gemeinde noch größer werden …
Viele Grüße
Mario
P.S. Du sagst “Ich glaube die Zeit ist reif für große Änderungen” – Das hört sich vielversprechend an … Ich bin gespannt !
Hi Mario, wir würden uns natürlich freuen, wenn die NW-Gemeinde größer werden würde, aber ich galube wir sind schon auf einem guten Weg. Weil wir eher ein Nischendasein leben, kann ich viel mehr ausprobieren als andere Sendungen. Was die Neuerungen angeht habe ich das weniger auf mich bezogen…….ich bin Optimist und vertraue auf die Nachrücker. Gruß KJ
Ihrem Beitrag zum Thema TV-Comedy ist nichts hinzuzufügen, Herr Deuser. Es gibt bestimmt genug Autoren mit tollen Ideen für frischen Comedy-Stoff. Aber wat’ willste machen, wenn Redakteure keine Eier in der Hose haben?
Es grüßt
Robbi Pawlik
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