TV – warum immer die selben Gesichter?

Nach welchen Kriterien werden Shows besetzt?
„Warum sieht man immer die selben Gesichter? Warum nimmt mich keiner in die Show? Ich bin doch soviel besser als diese ganzen Schnapsnasen.“ Fragen, die sich sicherlich jeder einmal gestellt hat.
Um zu verstehen warum, und wie Shows besetzt werden, sollte man sich einmal klar machen, wie Sendungen produziert werden und wer dafür verantwortlich ist.
Grundsätzlich gibt es zwei Produktionswege: Entweder der TV-Sender produziert die Sendung selber oder der Auftrag wird an eine externe Produktionsfirma vergeben. Bei Inhouse-Produktionen werden die Sendungen von angestellten Redakteuren entwickelt und begleitend produziert. Diese Form ist hauptsächlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern anzutreffen. Die Privaten haben sich in den letzten Jahren immer mehr von ihren eigenen Produktions-Units getrennt, um so Overheadkosten zu sparen. Man kauft das, was man will, ohne den ganzen Produktions-Apparat aufrechtzuerhalten (Mittlerweile ist wieder eine Diskussion im Gange, ob das wirklich so schlau war).
Aufträge werden an Produktionsfirmen (Constantin, Grundy Light, UFA, Brainpool, Zeitsprung, etc.) vergeben. In diesem Fall schreiben Redakteure Projekte aus, für die sich die Unternehmen bewerben oder (üblicher Fall) die Produktionsfirmen stellen Ideen und Projekte vor, die dann vom Sender angenommen oder abgelehnt werden.
War das nicht schon früher so? Warum habe ich als Zuschauer aber das Gefühl, Fernsehen ist bei Weitem nicht mehr so mutig wie noch vor 10-15 Jahren?
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Fernsehen früher soviel mutiger war, denn richtig mutig zu sein ist nicht der Job des Fernsehens. Fernsehen ist ein Massenmedium, daher ist ein Ziel immer möglichst viele Menschen zu erreichen und das bedingt nun mal auch jede Menge Kompromisse.
Doch wenn ich ehrlich bin, habe auch ich das Gefühl, dass Fernsehsendungen fast immer professioneller wirken als früher, aber dafür sind sie bei Weitem nicht mehr so nuancenreich wie früher.
Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe:
1. Es ist zu einer Machtverschiebung innerhalb der Sender gekommen. Die Sender werden immer professioneller geführt, das heißt Bereiche wie Marktforschung, Marketing und Controlling haben immer größere Bedeutung bekommen und sie werden immer hierarchischer aufgebaut. Das führt dazu, dass immer weniger Menschen immer mehr Entscheidungsbefugnisse bekommen. Nicht mehr fünf unterschiedliche Redakteure entscheiden über jeweils eine Sendung, sondern ein Unterhaltungschef über fünf Shows. Und da Geschmack bekannter Maßen immer auch eine persönliche Sache ist, wird der „Geschmack“, also der Stil und die Tonalität der Sendungen von immer weniger Menschen bestimmt. Was klar macht, warum z. B. Comedy-Sendungen, Castingshows oder Hilfeshows immer ähnlicher werden.
2. Die Entscheider (sowohl auf Sender, als auch auf der Seite der Produktionsfirmen) werden auch nicht jünger. Natürlich ist man mit Ende 20 mutiger, was Geschmack und auch deren Verwirrungen angeht, als mit Mitte 40. Ein großer Flop, der auch schnell mal zu einer Entlassung führen kann, wird vielleicht mit 28 noch hingenommen, aber wenn man erst einmal verheiratet ist, 1-2 Kinder hat und ein Haus abzahlen muss, überlegt man sich ganz genau, ob man Experimente mit unbekannten Leuten angeht.
3. Jahrelang wurde immer nur über Kosten diskutiert, über schlankere Unternehmen, weniger Fixkosten. Dies hat dazu geführt, dass immer häufiger nur noch Zeitarbeitsverträge verhandelt werden. Dies ist aus Sicht der Unternehmen, sowohl Sender als auch Produktionen, verständlich, aber dem Trend, dass Angst ein immer größerer Faktor bei Entscheidungen wird, ist damit sicherlich erheblich Vorschub geleitet worden. Das Fernsehbusiness ist also zu einem großen Teil ein Fear Driven Business und so etwas fördert keine besonders große Vielfalt. Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet, kann man verstehen, warum man gerne mit bekannten Gesichtern arbeitet. Wenn man mit Atze eine Sendung besetzt, weiß man, was man hat. Es wird sicherlich nicht mehr der „Burner“ oder der Überraschungserfolg des Jahres, aber man kann auf eine feste Fangemeinde aufbauen und so den schlimmsten Flop abwenden. Und da Flops größere Auswirkung auf die persönliche Karriere der Entscheider haben als Topps, ist man mehr mit Flopverminderung beschäftigt als mit der Toppentwicklung.
Soweit ein Erklärungsansatz, der erklärt warum es so eine geringe Künstlerfluktuation gibt. Der nächste Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage, warum gibt es (manchmal) doch neue Gesichter im Fernsehen und was kann ich als Künstler oder Agentur tun um diese Prozesse anzuschieben und zu steuern.
To be continued…
Foto: Happy Dave (CC)
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Dieser Artikel ist Teil einer Serie zum Unterhaltungsmarkt.
Bisher sind hier erschienen:
(X) – Radio als PR-Instrument für Künstler
(IX) – Radio
(VIII) – Medien
(VII) – Dauerthema „Catering“
(VI) – „Industriejobs“- allgemeine Tipps
(V) – Industriejobs
(IV) – Die Zukunft liegt im Livegeschäft
(III) – Live: Dreh- und Angelpunkt
(II) – Das magische Dreieck
(I) – „Kann man davon leben?“

Ich würde mich im zweiten Teil über eine Meinung oder einen Ausblick deinerseits freuen.
Das deutsche (Privat-)Fernsehen musste 2007/08 einsehen, dass es nicht die Möglichkeit hat, mit den Produktionen der US-Networks mitzuhalten. Wie also positioniert man sich? Als US-Glamour-Sender mit benontem Nicht-Anspruch wie Pro7? Oder als Prekariats-Familien-Beschäftigungsproduzent wie Sat1/RTL?
Patrick McGoohan, where are you now that we need you?
Hi myself, der 2. Teil ist fast schon fertig. In dem geht es aber mehr um das Thema Künstler und wie schaffe ich es in Sendungen. Was den Ausblick angeht bin ich verdeckt optimistisch. 1-2 Jahre wird es noch so weitergehen, aber dann kommt der große Umschwung. Für die Comedy kann das auch heißen, dass sie erst mal noch weiter vom Bildschirm verschwindet. Aber langfristig wird sie ihren Platz behaupten. Menschen wollen (auch) lachen. Die spannende Frage, die sich mir stellt, ist folgende: werden die Sendungen nur noch über Köpfe definiert oder setzt sich irgendwann mal wieder eine inhaltsgeführte Sendung durch, wie die Wochenshow oder Samstat Nacht. Diese Sendungen waren ursprünglich klare Autoren und Producer gesteuerte Sendungen, die aber mit der Zeit zu personenorientierten Sendungen mutierten. Vielleicht ist dies auch der natürliche Lauf in Deutschland. Amerikanisches Fernsehen hat dies häufig vermeiden können. Dort hat man die Stärke einer Marke erkannt, die sich nicht von einzelnen Stars abhängig macht. KJ
Danke KJ für diesen ersten Einblick.. wie man es als Künstler mit der Branche Kontakt schafft würde mich dennoch interessieren
Wirst du dazu noch etwas schreiben?
….tjaa… wie bekommt man Kontakt? Was ich mit diesen Artikeln zu erklären versuche, ist das Business transparenter zu gestalten und dadurch Ideen für eigene Wege aufzuzeichnen. Nach wie vor befinden wir uns in einem Bereich, wo Eigeninitiative gefragt ist. Ein klassischer Karriereweg ist für Schauspieler: Schauspielschule, Bewerbungen, Agentur, Casting. Für Comedians? Schwer. Vielleicht: irgendwo auftreten, kleine Fangemeinde aufbauen, Bewerbungs-DVD aufnehmen, offene Bühnen, Agentur finden, vielleicht bei QCC oder NightWAsh bewerben und Geduld haben. Aber den ganz simplen Weg gibt es nicht. (Noch nicht,) KJ
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