Stand-Up A-Z: A wie Ausverkauft

Das wichtigste Attribut für einen Komiker lautet: „Fernsehen“, Fernseh-Komiker, eigene Fernsehshow, deutscher Fernsehpreis, Fernsehgagen.
Der zweit wichtigste Begriff lautet: „Ausverkauft”. Ich glaube sogar, dass „Ausverkauft“ noch mehr Sex ausstrahlt.
Fernsehen steht für Ruhm und Ruhm ist ein virtueller Wert. Wenn du berühmt bist, heißt das noch lange nicht, dass du Geld verdienst. Aber „Ausverkauft“ bedeutet ein volles Haus, was heißt, dass Menschen Tickets gekauft haben und wenn du nicht einen total bescheuerten Vertrag abgeschlossen hast, wird für dich auch Geld fließen.
Aber „Ausverkauft“ garantiert dir auch eine gute Stimmung, denn auch den Zuschauern gibt dieser Begriff ein gutes Gefühl. Nichts ist so sexy wie Erfolg. In einer ausverkauften Show zu sitzen bedeutet: Man hatte den richtigen Riecher, man hat Tickets ergattert und andere eben nicht. „Ausverkauft“ ist gleichbedeutend mit Qualität. Zitat eines Zuschauers: „Wenn so viele Menschen dahin gehen, dann kann es ja nicht schlecht sein.“ Das Erstaunlichste ist, dass der Begriff „Ausverkauft“ eine Wirkung an sich hat. Es ist egal, ob es sich um eine große Stadthalle oder nur um ein kleines Kleinkunsttheater handelt.
Was ist besser, ein 100-Personen-Saal, der ausverkauft ist oder ein 350-Personen-Saal mit 210 Zuschauern? Als Kaufmann musst du dich klar für den 2. Fall entscheiden. Als Marketingmensch wirst du dir immer den ersten Fall wünschen. 210 Zuschauer zu bekommen ist gar nicht so einfach, aber auch nicht so toll, um damit zu werben. Wie soll der Slogan heißen? „Die neueste Erfolgsshow. Deutschlandweit immer um die 210 Zuschauer!“
Hingegen klingt: „Ständig ausverkaufte Vorstellungen“ viel, viel besser.
Gerade wenn du noch nicht den großen Namen hast, ist Mundpropaganda das wichtigste Werbemittel. Sobald der Begriff „Ausverkauft“ fällt, werden Menschen hellhörig. Niemand möchte den neuesten Trend oder den neuesten Star verpassen.
Viele Künstler nutzen dieses Wissen beim Vermarkten ihrer Shows. Man fängt lieber in kleineren Sälen an, um sofort mit „Ausverkauft“ werben zu können. Einige Künstler starten sogar mit ausverkauften Vorstellungen, die es in Wahrheit gar nicht gibt.
Es heißt Dr. Stratmann hat so in Essen seine neue Show gestartet. Er startete mit der Werbung für seine neue Show und wenige Tage später folgte die Meldung, dass die erste Woche schon ausverkauft sei. Natürlich wurde sofort getuschelt: „Wahnsinn, hast du gehört, der Stratmann hat schon die erste Woche voll. Da müssen wir uns aber beeilen, dass wir noch Karten bekommen.“ Und jeder, der sich jetzt eine Karte kauft, ist ein potenzieller Multiplikator, der hilft die Show weiter nach vorne zu schieben. Denn wenn du dir schon eine Karte gekauft hast, dann willst du ja auch, dass die Anderen das wissen. Ich weiß nicht, ob er es so gemacht hat, falls ja: Hut ab!
So etwas funktioniert natürlich nur, wenn du auch eine realistische Chance hast, genügend Tickets zu verkaufen. Aber es gibt viele Möglichkeiten mit dem Mythos „Ausverkauft“ zu werben. Man muss von Fall zu Fall maßgeschneiderte Wege suchen. Spielt man in kleineren Sälen, geht man engagiert mit Gästekarten um, beugt man die Wahrheit ein wenig, baut man diese Information in Pressetexte ein, in die E-Mail Signatur, verweist man auf der Homepage auf diese Auftritte gesondert? Die Kunst ist damit anzugeben, ohne dass es zu auffällig wird.
Übrigens: Ich spiele nächste Woche in Korschenbroich und Böblingen mein Soloprogramm. Aber leider gibt es keine Karten mehr – Ausverkauft!

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