Stand-Up A-Z: G wie Glaubwürdigkeit

Glaubwürdigkeit
– eines der Schlüsselwörter der Unterhaltungsindustrie.
Glaube ich der Person, der ich zuschaue, was er oder sie gerade sagt oder spielt?
Natürlich wissen wir, dass Robert de Niro eine Rolle spielt, aber wir lassen uns von seiner Art der Darstellung mit in die Geschichte ziehen, weil wir ihm glauben, dass er diese Person sein könnte. Ich nehme Dieter Bohlen ab, dass er so ist, wie er bei DSDS auftritt. Das heißt nicht, das ich deshalb Dieter Bohlen immer mögen muss, aber wenn ich merken würde, seine ganze Art wäre nur ein einziger großer Fake, würde ich ihn mit Sicherheit schrecklich finden.
Glaubwürdigkeit ist mehr als nur ein Tool, um Lacher zu erzeugen. Glaubwürdigkeit ist das Fundament für jedwelche Art der erfolgreichen Präsentation. Ich glaube das Konzept der Glaubwürdigkeit geht noch viel weiter. Verkaufsgespräche, Vorstellungsgespräche, Präsentationen, selbst erfolgreiches Flirten basiert immer auf der Glaubwürdigkeit des Auftretens.
Warum sollte ich mich auf jemanden einlassen, wenn ich ihm nicht glaube, dass er morgen früh wirklich, wie versprochen, das Frühstück macht?
Ein Großteil der Schauspielarbeit beschäftigt sich mit der Erschaffung der Glaubwürdigkeit der Darstellung. Hier gibt es Techniken, Tipps und Coaches.
Wie aber sieht es im Bereich Stand-Up aus?
Es gibt eine einfache Antwort: Sei einfach du selbst, steh zum dem, was du machst und wenn du dir selber nicht glaubst, was du sagst, lass es sein!
Wenn du das umsetzt, jetzt noch ein paar Gags findest und ein paar Auftritte hinlegst ist deine Karriere gesichert. Wozu brauchst du Unterricht, vergiss diesen Blog, vergiss jegliche Form der Regiearbeit, wenn du dich auf der Bühne gefunden hast und dieses ICH vom Wesen her auch noch lustig ist, dann hast du es geschafft.
Wenn man sich nun aber überlegt, wie schwer es schon ist im normalen Leben ICH zu sein, dann kann man sich vorstellen, wie viel schwerer es ist, diese geforderter Normalität in einer Stresssituation wie die eines Auftritts zu erreichen.
Ihr könnt jahrelang euere Auftritte per Videoaufzeichnung analysieren, ich verspreche euch ihr seht sofort, wo ihr nicht echt seit, wo es nicht stimmt, aber dadurch werdet ihr nicht automatisch besser. Glaubwürdigkeit ist viel mehr ein Spiegelbild euerer inneren Einstellung zum Leben und zur Arbeit. Was ist der Grund, warum du hier stehst? Musst du hier stehen oder willst du hier stehen? Was willst du den Menschen erzählen, willst du ihnen überhaupt etwas erzählen, willst du sie unterhalten oder geht es dir nur um den Ruhm? Wenn ja, musst du auch dazu stehen. Vielleicht bist du ja eher eine Verona Pooth als ein Woody Allen.
Wenn du es machen musst, mache es und genieße deine Arbeit (siehe auch Artikel zu Mut und Zufriedenheit).
Mir ist jemand viel lieber, der die ganze Zeit nuschelt, aber zu seinem Vortag steht, als jemand der mich rhetorisch hervorragend anlügt. Unter diesem Aspekt möchte ich mich sogar zu einem Ausruf hinreißen lassen: Rhetorik wird total überbewertet.
Trotzdem möchte ich abschließend noch mal klarstellen. Glaubwürdigkeit macht euren Vortrag oder eure Präsentation nicht sofort lustiger, aber sie macht sie auf jeden Fall besser.
Zusatz:
In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung des Autors zu einem etwas heiklem Thema.
Meine Schauspiel-Lehrerin in NY hat mir mal zum Thema Nervosität und Glaubwürdigkeit folgenden Tipp gegeben: “Be a man on mission.” – Finde, woran du glaubst und was dich wirklich auf die Bühne treibt und stehe dazu.
Eine tiefe Überzeugung macht dir das Auftreten soviel einfacher. Sie hatte damals auch bewusst auf die ganzen religiösen Selbstmordattentäter verwiesen und uns gesagt, dass sie sicherlich vor ihren Anschlägen nervös seinen. Doch sei ihr Glaube (meistens) so stark, dass sie ihren ganz Mist trotzdem durchziehen. Ein eindrückliches, wenn auch schwieriges Beispiel.
Vielleicht sollten wir mal darüber nachdenken, warum wir immer erst dann zu unseren Überzeugungen stehen, wenn sie in eine aggressive Form umschlagen…
Foto: CC by Jule’Kill

Ich habe langzeit über eine ähnliche Theorie gedachtet.
Früher habe ich in ein paar Bands gespielt, und habe mir gedanken gemacht was eine gute Band oder Singer ausmacht. Ich glaube die besten (aber nicht immer die populärsten!) sind die, die Ernsthaftig sind, wiel sie bieten immer ein Teil von sich Selbst in jeder Auftritt, oder Lied.
Die, die nicht Ernsthaftig sind, sind Leute die nur dabei sind, um Behrümt zu sein. Deswegen find ich oft die “Deutschland Sucht Ein Superstar” produkte uninteressant, weil ihre performance sagt nur “You’re not looking at me, Mummy”. Die haben, wie gesagt, kein Mission hinter der Fassade.
Ich finde es sehr ironisch, dass Comedy das in unserem Land leisten muss, was die Politik eigentlich übernehmen müsste…
besser wir, als niemand …
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