Stand-Up A-Z: X wie X-rated Material
Die, die mich nur ein wenig kennen, wissen, dass ich jemand bin, der versucht so wenig wie möglich ‘unter die Gürtellinie’ zu gehen (‘Unter die Gürtellinie’= X-rated, welch typisch deutsche Übersetzung). Das heißt aber nicht, dass man es nicht machen sollte. Man sollte sich nur klar machen, wie Zuschauer auf Themen reagieren und was man erreichen möchte?
Will man Menschen zum Lachen bringen oder will man den Zuschauern beweisen, wie cool und mutig man selber ist? Genau genommen müsste man bei X-rated Material zwischen X-rated Inhalt und X-rated Wortwahl unterscheiden. Manchmal erscheint es mir, als ob man simple Nummern durch die intensive Benutzung von Straßenslang glaubwürdiger und ausgefallener erscheinen lassen möchte, aber wird die Nummer durch die härtere Wortwahl wirklich automatisch glaubwürdiger?
Gerade in ihrer Anfangszeit greifen viele Künstler sehr schnell auf X-rated Material zurück. Meine Theorie ist, man will zeigen: ‘Ich bin mutiger als die anderen und ich rede über Themen über die sich andere nicht trauen zu reden.’ Stimmt. Aber ist man deshalb lustig?
Es gibt viele Künstler, die herausragende Nummer haben, die voll gespickt sind mit X-rated Material, ich erinnere nur an Kay Ray oder Serda Somuncu. Künstler, die sich erfolgreich mit x-rated Material arbeiten, machen es dann auch sehr konsequent und meistens auch durchdacht. Ganz oder gar nicht!
Ein gutes Beispiel hierfür ist George Carlin mit seiner legendären Nummer ‘Seven Words’:
Ich habe mal bei einem Eingangsbriefing zu einer Liveshow gesagt, wenn ich noch einmal das Thema Urologe auf der Bühne höre, haue ich denjenigen durch die Fensterscheibe. Tatsächlich spielte genau an diesem Tage ein Künstler als ob es abgesprochen wäre eine Nummer über dieses Thema und welches Wunder, sie war lustig.
Trotzdem habe ich so viel mehr Künstlern gesehen, die sich mit solchem Material ihre ganzen Nummern kaputtgemacht haben. ‘Geil’, ‘ficken’ oder ‘Möse’ auszusprechen ist nicht wirklich schwer. Aber habt ihr, gerade als ihr diese drei Wörter gelesen habt, das Gefühl, man liest Hochliteratur? Mit Sicherheit nicht. (Siehe dazu auch: W wie Wertigkeit von Gags)
Künstler müssen schlauer sein als der Stammtisch. Findet Wege Dinge zu sagen und zu beschreiben auf die die typische Horde angetrunkener Menschen nicht kommt. Dinge so auszudrücken, dass jeder genau weiß, wovon gesprochen wird, ohne sie tatsächlich auszusprechen, ist natürlich schwierig, meistens aber viel lustiger.
Bei deiner Themenfestsetzung für Industrie- und TV-Shows hast du oft viel mehr Freiheiten, als du glaubst, aber bei dem WIE werden die Verantwortlichen ganz schnell empfindlich.
Ein Problem ist nur, es selten sagt dir jemand: „Sorry, die Nummer ist toll, aber könntest du vielleicht 35 x weniger Scheiße sagen?“ Denn deine Sprache wird immer als Teil deiner Persönlichkeit betrachtet und die wird selten offen kritisiert, also kürzen sie dich, schneiden dich aus der Show oder laden dich erst gar nicht zum nächsten Casting ein.
Wenn es dir aber jemand offen ins Gesicht sagt, dann folgt meistens als Gegenargument: „Ich lasse mich doch nicht zensieren!“
Wirklich? Wo ist das Problem, wenn du deine Nummer genauso spielst wie immer, nur ‘Arsch’ durch ‘Drecksack’ ersetzt oder versuchst deinen Vorrat an ‘Geil’ und ‘Fuck you’ zu beschränken?
Noch einmal zur Klärung. Es ist immer eine Frage, wo ich ihn will und wen ich unterhalten und begeistern möchte. ‘Feuchtgebiete’ wäre ohne drastische Beschreibungen nie ein Hit geworden, Bushido nun mal ist ein alter Motherfucker, aber wenn du den deutschen Kleinkunstpreis oder die große Abendshow bei RTL erhalten möchtest oder als Keynotespeaker für internationale Unternehmen arbeiten willst, dann solltest du dir schon über deine Wortwahl Gedanken machen, denn nicht nur der Inhalt deiner Teste, sondern auch die Wortwahl ist eine Botschaft.
Grenzen einzureißen, cool zu sein und Tabus zubrechen ist ein vollkommen legitimer Vorsatz, aber du solltest dich sehr bewusst mit diesem Themenkomplex (Thema und Wortwahl) auseinandersetzen und hinterher nicht jammern, wenn keine Jobs kommen.



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