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“Der ist bestimmt von der Presse”

KJ Deuser 13. Juli 2009 5 Kommentare

blind

Ich weiß nicht, was mich an diesem Tag mehr verblüfft hat, dass Kinder immer noch Gabi heißen oder die Tatsache, dass ich jetzt seit über zwanzig Jahren in Köln wohne und noch nie im Sommer nach Rodenkirchen zu den dortigen kleinen Rheinbuchten mit ihren großen Sandstränden gefahren bin? Mir ist oft davon erzählt worden, aber ich weiß auch das Kölner, wenn es um die Schönheit ihre Stadt geht, gerne übertreiben. Köln ist lustig, ja, aber schön? Nein!
Doch die Sandstrände sind es tatsächlich und bei 28 Grad fühlte ich mich fast wie im Urlaub, wenn nicht die Mutter neben mir ständig nach ihrer Gabi gerufen hätte. Wer, bitte schön, nennt denn heutzutage sein Kind noch Gabi? Moderne Kinder heißen Kina, Samina, Hanalika, Marbello. Der aktuelle Kindernamen-Trend geht zu den sogenannten First Call-Names. Namen, die es noch nie gab und an die sich auch noch nicht einmal die nächsten Verwandten beim nächsten Besuch erinnern können. Ein bisschen beruhigt war ich, als ich merkte, dass die Frau nicht nach ihrer Tochter, sondern nach ihrer Mutter rief, die langsam den Rhein herunter trieb. Es hatte was, wie der Vierer-Ohne des örtlichen Rudervereins diese bestimmt knapp 100 Kilo schwere kölsche Frau wieder zurück in die Bucht verfrachtet hat. Mich hat nur gewundert, dass die Kölner während des Rettungsversuchs nicht gesungen haben.

Die Mutter war schon nicht schön, aber die Tochter, die ich zuerst für die Mutter gehalten habe, war es erst recht nicht. Kaum kam mir diese Erkenntnis habe ich mir sofort Vorwürfe gemacht: „Schau jetzt bitte nicht immer zu der Frau. Die kann nichts dafür. Die ist bestimmt nett.“ Aber wenn du dich einmal auf jemanden eingeschossen hast, dann kannst du einfach nicht mehr weggucken. Viellicht war es Zufall, aber mit einem Mal sah ich überall auf dem Strand ihre Verwandten im Körper. Ich glaube so etwas nennt man selektive Wahrnehmung. Ein Effekt den jeder, der einmal auf Bühne gestanden hat, kennt. 100 Leute lachen, aber du siehst die einzige Person im Zuschauerraum, die nicht einzige Miene verzieht.

1984, mein zweites Jahr auf der Bühne, spielten wir im Sommer mit den Niegelungen auf einem kleinen Festival in der Nähe von Villingen-Schwenningen. Ca. 150 Personen, die von Anfang an richtig Spaß hatten. Nur ein einzelner Mann in der dritten Reihe sah mich die ganze Zeit irgendwie merkwürdig an und lachte während der ersten 30 Minuten nicht ein einziges Mal. Was solls, dafür waren ja die anderen supergut drauf. Wenn es doch so einfach wäre. Ob ich wollte oder nicht, mein Blick schweifte immer wieder zu diesem Mann. Irgendwann wird der doch wohl mal lachen? Nein. Nichts. Kein Lachen, kein Lächlen nur konzentriertes Starren. Blödmann.
Während der Pause fragte ich meine zwei Mitstreiter, ob sie den Typen in der dritten Reihe gesehen hätten. Klar haben sie ihn gesehen. Wie kann man denn jemanden übersehen, der bei einer solchen Hammer Show nicht lacht. Langsam wurde ich sauer. Warum ist der überhaupt hier? Wenn er schon keinen Spaß am Leben hat, dann muss er sich doch keine Comedyshow ansehen? Oder hat ist es seine Lebensaufgabe andere Menschen runter zu ziehen, am besten noch die auf der Bühne, damit die bloß nie wieder versuchen andere zum Lachen zu bringen? Das einzig Gute war, wir hatten Pause und in der Regel machen sich solche Typen dann vom Acker, weil sie ihre schlechte Laune selber nicht mehr aushalten. Nicht er. Kaum hatten wie mit dem zweiten Teil angefangen, sah ich ihn schon wieder. Wow, ein Profi, der schafft es tatsächlich dir auch noch die zweite Hälfte zu vermiesen. Was mich noch mehr als sein nicht vorhandenes Lachen irritierte, war sein konzentriertes Starren. Was ist mit dem los? Geh, hau ab. Was hab ich dir getan? Plötzlich wurde es mir klar. Er ist der Mann von der Presse. Nicht nur, dass er keinen Spaß hat, nein, er genießt es jetzt schon wie er uns morgen in der örtlichen Zeitung total niedermacht. So dankbar wir damals über jede ausbezahlte Gage waren, viel wichtiger war aber eine gute Pressekritik. Es gab noch keine TV-Sendungen, wo du als Jungcomedian auftreten und bekannt werden konntest. Von daher hingen deine weiteren Auftritte fast ausschließlich von einzelnen Pressekritiken ab, nur die garantierten neue Auftritte. Eine gute Kritik aus Villingen-Schwenningen hätte uns das Tor zum kompletten Schwarzwald aufgemacht.

Ich weiß gar nicht mehr, wie die Show zu Ende ging, ob alle anderen Zuschauer weiterhin lachten, ob sie alle bis zur Zugabe blieben. Ich war fertig und frustriert. Kaum waren wir wieder in unsere Garderobe kam auch schon der Veranstalter und gratulierte uns. Kein Wort habe ich ihm geglaubt. Wir waren jung und er wahrscheinlich gut erzogen und wollte uns deshalb wahrscheinlich nicht sofort fertigmachen. Er lud uns sogar noch an die Bar ein. Dort würde ein Zuschauer sitzen, der gerne einmal persönlich mit uns sprechen würde. Auch wir waren gut erzogen, also gingen wir raus. Es ist ja klar, wer da auf uns wartete. Deshalb war der Veranstalter so nett. Die Zwei hatten das wahrscheinlich den ganzen Tag schon geplant. Nicht nur das diese eine Person nie lachte und uns morgen mit ihrer Kritik endgültig den Boden unter den Füssen wegreißen würde, jetzt musste er uns das alles auch noch persönlich sagen. Warum sind wir bloß hier hingefahren?

Ich weiß noch ganz genau, was dieser Mensch uns damals sagte. Er erzählte uns, dass er blind sei und so etwas noch nie erlebt hat. Da wir ja nicht die ganze Zeit gesprochen hätten, sei es für ihn nicht immer leicht gewesen der Show zu folgen, doch er hätte sich wahnsinnig konzentriert, um ja nichts zu verpassen. Auch wenn es ihn oft belastet blind zu sein, hätte er es heute während unserer Show total vergessen. Er wollte uns nur einmal sagen, wie toll er alles gefunden hat, wie viel Spaß und Energie wir ihm mitgegeben hätten und er wünscht uns, dass wir es noch ganz weit bringen würden.

Selten habe ich mich nach einem Auftritt schuldiger gefühlt als damals und doch führte dieser Abend zu einer der wichtigsten Bühnenerkenntnisse meines Lebens. Sobald du auf irgendeiner Bühne stehst, machst du dich abhängig von der Meinung anderer Menschen. Und negative Reaktionen haben immer eine stärkere Wirkung als eine Positive, aber lass dich nicht zu schnell verrückt machen. Es liegt nicht immer nur an dir, wenn mal irgendetwas nicht so funktioniert wie du es erwartest. Manche Zuschauer kommen schon gestresst zur Show oder sie sind gezwungen worden mit zu gehen oder sie sind krank oder sie verstehen kein deutsch. Konzentrier dich auf die Personen, die dir zuhören und auf deiner Seite stehen. Nur über diese kannst du dann auch den Rest der Zuhörer überzeugen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Ich habe auch immer auf die dicke Frau am Strand anschauen müssen. So hässlich konnte man einfach nicht sein. War sie auch nicht, denn sie war Teil eines Fernsehfilms. Jetzt weiß ich auch warum niemand sang und der Strand so schön war.

5 Kommentare »

  • Fabian schrieb:

    ♥ geile story

    # 13. Juli 2009 um 18:49 Uhr
  • Ana* schrieb:

    Fabi, sag’ bloß! Du hast dich allein von den Erzählungen in ♥ Gabi ♥ verknallt? Pass’ auf, dass die Presse das nicht mitkriegt … oder erst recht deine Mama (wenn die bei der bzw. für die Presse arbeitet, umso mehr Obacht!).

    # 14. Juli 2009 um 04:24 Uhr
  • Sandra schrieb:

    Vielen Dank für die nette Story.
    Mir geht’s mit meinen Teilnehmern auch manchmal so. Dann ist da aber auch manchmal so eine “Hackf…” (sorry)dabei, die einen die wirklich netten Teilnehmer vergessen lässt. Schade eigentlich!
    Auch wenn’s fies ist, und nicht die Moral von der Geschicht’, ich probier’s mal im nächsten Seminar mit dem Gedanken: Der ist nicht doof, der Teilnehmer, der ist einfach nur blind und er liebt mich und das, was ich sage!
    Danke!

    Lieben Gruß
    Sandra

    # 14. Juli 2009 um 14:38 Uhr
  • Das ist echt ein doofer Teilnehmer, warum geht der nicht einfach nach Hause? - Einstellungen als Trainer « apprenti Podblog schrieb:

    [...] Gerade eben habe ich in einem meiner Lieblingsblogs etwas gelesen, das mich als Seminartrainerin zum Nachdenken anregt. Haben wir uns nicht alle schon mal gefragt, warum gerade DER oder DIE in unserem Seminar sitzt? Mit dem Gesicht? Wir Trainer lassen uns ja auch schnell mal von “unfreundlichen, inaktiven” Seminarteilnehmern aus der Ruhe bringen, vielleicht kennen Sie das auch. Da wir uns in der gleichen Situation befinden, wie ein Künstler auf der Bühne, danke ich KJ “Knacki” Deuser sehr für die Geschichte und verlinke sie hiermit, damit auch meine Leser etwas davon haben: http://www.deuserordie.de/2009/07/13/der-ist-bestimmt-von-der-presse/ [...]

    # 14. Juli 2009 um 14:55 Uhr
  • Robbi Pawlik schrieb:

    Mir ging’s vor einiger Zeit so ähnlich.
    Bandkonzert mit pawlik enemy in einem einschlägigen Jazzclub Kölns. Rechts der Bühne (3 m Luftlinie vom Mikrofon) an der Theke: ein Typ mit weiblicher Begleitung. Sie mochte uns. Er hat uns gehasst. Verschlänkte Arme, angewidertes Augenrollen, null Applaus. (Er war übrigens nicht seh-gehandicapt.) Ich ertappte mich dabei, ständig in seine Richtung zu gucken. Da läuft man ja Gefahr, schlecht drauf zu kommen. Irgendwann dachte ich mir: ‘ich kämpfe jetzt, und wenn Du Penner heute Abend ein einziges Lächeln zeigst, hab ich gewonnen!” …aber Nix da, im Gegenteil: der Typ hat seine weibliche Begleitung – sobald sie lachte, tanzte oder applaudierte – sogar per Ellenbogen angetickt! “Was soll’s, der ist zur Pause bestimmt weg.” Tja zum zweiten Set saß er immer noch an der Theke. Ich spekulierte: ist der Mann von der Presse? Oder ein IM der Gema? Irgendwann sprach ich ihn an: “Sagen Sie mal, hat die Dame Sie eigentlich zu diesem Konzertbesuch gezwungen?” Er: “Nein, ich bin freiwillig hier. Wieso?” Ich: “Den Eindruck habe ich nicht. Was passt Ihnen nicht?” Er: “Das kann man so nicht machen!” Ich fragte: “WAS kann man SO nicht machen?” Er: “Das ist hier ein Jazzclub. Was sie da spielen, ist Pop-Musik.” Aha, Ein Dogmatiker! (Anm.: die Band spielt Funk, Dancehall/Ragga und HipHop) Ich rief in Richtung Kasse: “Gebt dem Mann von der Jazzpolizei sofort sein Eintrittsgeld zurück!” – Kassiererin: “Der steht auf der Gästeliste.” (Wie bitte!? freudiger Tumult im Publikum, die Band schmiß sich weg vor lachen) Ich: “Ok, dann spendier’ ich Ihnen jetzt einen trockenen Weißwein, damit sie sich unsere billige Pop-Musik schöntrinken können.” Da war er weg. Sie blieb.

    Was nimmt man von solch einem Abend mit?
    Keine Ahnung, wohlmöglich Erfahrungswerte.
    Jedenfalls entstand dadurch ein neuer Song mit dem Titel ‘Jazz-Polizei’. Musikstil? Dreimal dürft Ihr raten.

    Gruß Pawlik

    # 14. Juli 2009 um 16:06 Uhr

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