März 1995 – Two in One (manche Katastrophen kommen nur im Doppelpack)

„Das freut uns, dass sie da sind, Herr Deuser. Haben sie die Bälle dabei? Herr Böttcher (Name vorsichtshalber geändert …) wartet schon auf sie. Sie können sofort reingehen.“
Erstaunlicher Empfang. Frau Müller-Wasserhaus, die Projektleiterin der Agentur Showlive, die mich für diesen Job vorgeschlagen hat, steht freundlich lächelnd neben der ebenfalls lächelnden Vorzimmerdame des Vorstandvorsitzenden des jungen Mobilfunkanbieters E-Plus, für den ich in 2 Wochen auf der Cebit arbeiten soll.
Merkwürdig – normalerweise werden dir erst einmal 3 Kaffee angeboten und erklärt, dass der GF oder Vorstand nur ganz wenig Zeit hat, parallel wirst du ausführlich gebrieft, was du sagen kannst und was besser nicht und dann begleiten dich 5 Personen in sein Büro, die dann die ganze Zeit reden und erst, nachdem dem Chef endgültig der Kragen platzt, schaffst du es selber eine Minute mit ihm zu reden. Aber Direktdurchgehen? Finde ich gut!
Wenn ich heute zu einem TV-Sender oder zu einem großen Unternehmen gehe, um eine Idee vorzustellen oder ein neues Projekt zu besprechen und alles läuft im Vorfeld so perfekt, dann weiß ich ganz genau: Da stimmt was nicht. Nun, für einen kurzen Moment hatte mich der Satz „Haben sie Bälle dabei?“ schon irritiert, aber richtig nervös werden lassen, hat er mich auch nicht.
Der Grund unseres Treffens waren die letzten Absprachen für das Mitarbeiterfest auf der kommend Cebit, der weltweit größten Computer- und Telekommunikations-Messe der Welt. E-Plus, erst im Jahre 1993 gegründet und 1994 ins Netz gegangen, wollte dort zusammen mit allen Mitarbeitern „Ein Jahr im Netz“ feiern. Ich wurde gebeten eine Nummer zu entwicklen mit der ich lustig und kabarettistisch das letzte Jahr Revue passieren lassen könnte. Vieler solcher Jobs hatte ich damals auch noch nicht und als i-Tüpfelchen gab es eine unglaubliche „2000 DM“ – Gage plus 500 DM Texterstellung. Dafür haben sie auch das Beste bekommen, was ich damals anzubieten hatte: eine Business-Jonglage. Ich erklär mal kurz. Ich kann und konnte schon damals ganz gut jonglieren. Ich weiß Jonglieren an sich ist kreuzlangweilig, aber – ich benutze das Jonglieren, um damit, die von mir geschriebenen Geschichten, visuell zu untermalen. Wenn ich sage, dass am Ende alles wie am Schnürchen läuft, dann ziehe ich einen der Bälle wie an einem unsichtbaren Faden rauf und runter.
Ok, wenn ich das jetzt lese, verstehe ich auch, warum ich das immer vormachen muss. Diese Nummer ist viel spektakulärer als sie sich anhört!! Aber das allerbeste dieser Nummer ist, dass ich die Texte für jede Gelegenheit neu schreibe und individuell anpasse. Sozusagen: Custom made. Letztens arbeitete ich mit einer jungen Agentur zusammen dessen Chef mich ganz ehrfürchtig fragte: „Sie schreiben jedes Mal eine komplett neue Nummer?“ Natürlich, was hätte ich auch sonst sagen sollen? Vielleicht das, was Herr Berlusconi auf die Frage, ob er immer treu gewesen sei, geantwortet hat? „Immer? Immer ist ein großes Wort, ich würde sagen oft.“
Kurz noch ein Wort zu den Bällen. Ich bin davon ausgegangen, dass der Job sicher war und Frau Müller-Wasserhaus mich nur deshalb bat die Bälle mitzunehmen, weil sie die Nummer so sehr mag. Ich Blödmann, dachte ich wirklich, sie wollte danach mit mir ausgehen und ich könnte sie dann endgültig mit einer kleinen Jongliereinlage rumkriegen? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich dachte ich auch, so ein Doppelname wäre Pflicht für eine Werbeagentur und hätte nichts mit ihrem Familienstand zu tun.
Statt dessen eilte ich dem Vorstandsvorsitzenden entgegen und zwar alleine, denn hinter mir schloss sich, wie von Geisterhand bewegt, die schwere Holztür.
„Herr Deuser, freut mich sie einmal persönlich kennenzulernen. Viel von ihnen gehört. Frau Müller-Wasserhaus hat mir von einer Jongliernummer erzählt, die wir eventuell mit ins Programm nehmen würden. Zeigen sie mal.“
Wie, eventuell? Hat sie mir deshalb den Vertrag noch nicht geschickt? Sie sagte doch, sie hätte den Brief nur falsch adressiert? Ein echter Künstler wäre jetzt gegangen und hätte sofort seinen E-Plus Vertrag gelöst und mit Frau Müller-Wasserhaus Schluss gemacht. Jetzt hatte ich aber weder was mit ihr noch einen E-plus Vertrag und die Gage war auch schon längst verplant. Also nahm ich die Bälle aus meiner Aktentasche und legte los. 8 Minuten vor einem Mann, der tief versunken in seinem Ledersessel hinter einem 4 x 1,5 Meter großen Schreibtisch thronte und kritisch begutachtete, was ich da so machte. Mein Hauptproblem war, dass ich nicht wusste, wohin ich gucken sollte. Schaute ich nur auf die Bälle, könnte es unprofessionell wirken. Sobald ich ihn aber ansah, wurde er nervös und schaute weg. Auch keine Lösung. Er sollte die Nummer schon sehen, sonst kauft er sie ja nie. Jonglieren UND reden ist schon nicht einfach, aber wenn du während dessen noch überlegen musst, wie du deinen einzigen Zuschauer behandeln sollst, damit er sich nicht unwohl fühlt, dann fragst du dich schnell, warum du dein Studium nicht beendet hast.
Nach 8 qualvollen Minuten hatte ich es geschafft. Er klatsche sogar einmal in die Hände und entließ mich mit den Worten: „Prima, dann in 2 Wochen.“ Schnell entscheiden konnte er zumindestens …
2 Wochen später, ich in Hannover, Cebit, Messestand von E-Plus. Frau Müller-Wasserhaus, die mittlerweile doch sehr verheiratet aussieht, führt mich wieder sofort zu Herrn Böttcher. Nicht nur, dass er mich noch kennt, er ist förmlich aus dem Häuschen und duzt mich. Was 6 Tage Messe aus einem Menschen alles machen können. „Du, ich sag mal du. Also, die Nummer ist super. Die bringen wir direkt nach meiner Begrüßung und ich sag dich selber an, damit das so richtig gut kommt.“ Und damit ich mich so richtig wohlfühle, drückt er mir auch noch ein Bier in die Hand. Super und ich soll gleich jonglieren.
90 Minuten später war es dann soweit, das Bier war zum Glück wieder abgebaut, Herr Böttcher begrüßt seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und dann kam die unglaublichste Ankündigung meiner ganzen Karriere.
„Liebe Kollegen und Kolleginnen, wir haben heute einen jungen Künstler eingeladen mit einer ganz hervorragenden Nummer. Sie müssen sich das so vorstellen, er erzählt gleich mit 3 Bällen jonglierend die Geschichte unseres Unternehmens. Er zeigt, wie wir uns durch die Anfänge durchgeboxt haben und dann schließlich vor einem Jahr ins Netz gegangen sind und dabei jongliert er die ganze Zeit. Dann küsst er die Bälle und erzählt wie wir immer freundlich zu unseren Kunden geblieben sind. Wie wir uns nicht haben verunsichern lassen und statt dessen zugepackt haben. Passen dazu packt er die Bälle.“
Hallo? Was macht der denn? Nicht nur, dass er das Geheimnis meiner Nummer verrät, ich sollte als Marketingexperte angekündigt werden, nein er erzählt die komplette Nummer inklusive aller Jonglierfiguren, die er pantomimisch nachmacht. Wie soll ich denn jetzt noch irgend jemand verblüffen, geschweige denn beeindrucken? Ich wurde immer blasser und blasser, da hörte ich auch schon den letzten Satz: „Genug der Worte, lassen sie sich verblüffen. Hier ist, achten sie auf den Vornamen, Knacki Deuser.“
Ich gehe auf die Bühne, stehe neben ihm, da fällt ihm noch ein kurzer Zusatz ein. „Ach übrigens, bevor ich es vergesse, das Buffet ist eröffnet.“ Das hat der doch jetzt nicht wirklich gesagt? Doch er hat. Ich stehe auf der Bühne und 400 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen rennen an der Bühne vorbei zum Buffet.
Was machen? Abbrechen, durchziehen oder solange überbrücken bis alle zurück sind? Auch diese Entscheidung nahm mir Herr Böttcher ab. Als Mann der schnellen Entscheidungen war er sofort bereit mir ein zweites Mal zu helfen. Er nahm einen Bistrotisch, stellte ihn vor die Bühne und verdonnerte seine Frau, ein weiteres Vorstandsmitglied und dessen Frau mir zu zuschauen. Also durchziehen. Zum Ende der Nummer kamen dann auch die ersten Mitarbeiter mit gefüllten Tellern vom Buffet zurück. In Ermangelung genügender Bistrotische setzten sie sich einfach auf die Bühne. Über ihre Rücken auf die Teller schauend, konnte ich feststellen, dass sich E-Plus beim Buffet nicht hat lumpen lassen.
Herr Böttcher hat mir an diesem Abend noch 3x versichert, wie toll er die Nummer fand, aber engagiert hat er mich trotzdem nie mehr! Tja, egal wie gut deine Nummer ist, wenn sie keiner sieht, hast du ein Problem.
Wie kommt man um solche Situationen herum? Erfahrung, Fingerspitzengefühl und vor allem die Rahmenbedingungen deines Jobs im Vorfeld genau klären. Aber manchmal gibt es Sachen, die gibt es einfach nicht. Ich wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, dass jemand in der Ankündigung meine Jongliernummer komplett nacherzählt. Ein Ankündigung sollte die Aufmerksamkeit für die Person herstellen, die danach auftritt. Der Name und die Funktion sollte genannt werden, aber NIEMALS sollte die Nummer erklärt und beschrieben werden. Und wenn doch – trink ein Bier, lach über den Wahnsinn des Lebens und schreibe 5 Jahre später eine Nummer drüber.
Bild: CC von giles farrington


1) Büffet:
Mir ist mal was Ähnliches passiert: Auf einer Tagung eines Kunden sollte ich zu Beginn und gegen Ende eine themenbezogene Einlage machen – dazwischen ca. 2 Stunden Wartezeit. Aus den 2 Stunden wurden 2 einhalb, aus den 2 einhalb wurden 3 … Als ich den Koordinator hinter der Bühne freundlich auf die Verzögerung hinweise bekomme ich die Antwort: “Oh, ich glaub wir haben sie vergessen !” – gleichzeitig wildes Armgefuchtle, um den letzten Redner auf der Bühne auf das Malheur hinzuweisen, der aber gerade in dem Moment in den ermatteten vollbesetzten (auch ca. 400 Leute) Saal ruft: So, liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt haben wirs für heute endlich geschafft, auf zum Buffet !!!”
Ich wurde dann trotzdem noch auf die Bühne geschickt – die Gage war gut, also hab ichs professionell für die 20 Leute durchgezogen, die freundlicherweise stehen geblieben sind…
2) Tödliche Anmoderation:
Ich war mal als Komiker auf einer Radiotour engagiert, die vor allem zur Promotion von jungen, aufstrebenden und gerade angesagten Bands diente – die gesamte Dramaturgie war auf den Bandauftritt als Höhepunkt der Veranstaltung ausgelegt. Kurz vorher sollte ich auftreten. Vom Moderator bekomme ich folgende Anmod:
“Wie ist die Stimmung???” – Gejohle im Teenie Publikum… “Seid Ihr gut drauf ???” – Yeahhh… das is ja eine Haaaammmerstimmiung hier, unglaublich. Ich war eben im Backstage. Gleich ist es soweit, Sie sind musikalisch genauso gut drauf wie ihr und werden in wenigen Augenblicken die Bühne stürmen, macht euch auf ein Feuerwerk bereit!!!” – Wieder Gejohle im Publikum…
Und dann wortwörtlich folgender Satz:
“Aber bevor es endgültig soweit ist, hier für euch der lustige Waldemar Müller, viel Spass !”
Noch bevor ich die Bühne betreten habe wurde ich ausgebuht und mit Feuerzeugen beworfen…. Irgendwie war die ganze Situation so absurd, dass ichs schon wieder ein wenig lustig fand… auch hier hab ichs durchgezogen (zumindest die Kurzversion meiner Show) und dann gabs nur eins: “take the money and run….”
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