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Es reicht nicht mehr gut zu sein, du musst besser sein.

KJ Deuser 10. Mai 2010 6 Kommentare

zebra

Ich bin doch ein richtig guter Stand-upper, warum bin ich nicht wirklich erfolgreich? Eine Frage, die ich immer häufiger höre. Naja, „höre“ ist vielleicht übertrieben, denn kein Künstler möchte wirklich zugeben, dass er nicht erfolgreich ist. Aber in Gesprächen kommt man immer wieder an den Punkt, wo man Karrieren vergleicht und nach den ultimativen Erfolgsfaktoren Ausschau hält.
Was sind diese Faktoren? Sympathie steht sicher ganz oben, Handwerk ist Grundvoraussetzung und man sollte sein Alleinstellungsmerkmal erkennen und herausarbeiten. Gerade der letzte Punkt ist für eine schnelle Karriere extrem wichtig, kann aber wiederum auch schneller zum Ende einer Karriere führen. Je unverwechselbarer du bist, um so größer ist die Chance, dass du auffällst und aus der Masse der Comedians herausstichst, umso größer ist jedoch auch die Chance, dass man sich an dir und deiner Figur satt sieht. („Sorry, ich wollte nur rechtzeitig drauf hinweisen.“ Cassandra Deuser)
Ok, wie kann ich jetzt zur Spitze durchstoßen? Wie kann ich mich absetzen von all denen, die schon da sind? Denn nur wenn du wirklich auffällst, wirst du es bis ganz nach oben schaffen.
Leider hat sich die Comedy in Deutschland in den letzten 2 Jahrzehnten enorm entwickelt, sodass es kaum noch Felder gibt, die noch nicht abgedeckt worden sind.
Ende der 80zigern hat Tom Gerhardt den Proll groß gemacht, der dann von Atze auf den Punkt gebracht worden ist. Rüdiger Hofmann hat den langsamen Loser definiert, Michael Mittermeier hat Stand-up groß gemacht, Ingo Appelt hat Grenzen ausgelotet, Kaya Yanar hat uns die Tür zur Ethnocomedy geöffnet, Mario Barth hat Stand-up in den Mainstream geführt, Eckart von Hirschhausen hat Stand-up als Kabarett bezeichnet und so auch für Akademiker und Musikantenstadler attraktiv gemacht. Cindy hat Harz IV und den Osten abgeholt und Dave Davis wird jetzt noch einmal die Ethnocomedy um die „richtigen“ Ausländer erweitern.
Was soll da noch kommen?
Irgendwas kommt immer, aber klar ist auch, dass die Anfangszeit der Comedy, insbesondere der Stand-up Comedy, im Nachkriegsdeutschland zu Ende gegangen ist. Es reicht jetzt nicht mehr auffällig und gut zu sein, ab jetzt musst du besser sein!!!
Du musst nicht mehr lustig sein, sondern superlustig.
Es reicht nicht mehr handwerklich gut zu sein, du musst überragend sein.
Das ist die Botschaft der nächsten 10-15 Jahre, denn dann sind wahrscheinlich wieder viele der oben beschriebenen Stereotypen in Vergessenheit geraten und können neu erfunden werden. Aber in den nächsten Jahren geht es nur über außergewöhnliche Qualität.
Für mich ist es erstaunlich wie viele Comedians sich ständig damit auseinandersetzen, welches T-Shirt sie anziehen oder ob die das richtige Mikro auf der Bühne benutzen, oder wie sie einen immer wiederholenden Abschlusssatz oder Begrüßungssatz benutzen sollen, um ein Markenkennzeichen zu setzen.
Ein Markenzeichen bringt nur dann etwas, wenn die Zuschauer den Künstler auch wieder sehen wollen. Solange du sie nicht begeisterst und umhaust und DU ihnen nicht wichtig bist, ist ein gebrandetes T-Shirt und auffällige Mikros rausgeschmissenes Geld.
Ich sehe wahrlich genug Shows und sobald ich auf oder neben der Bühne sitze und die Künstler beobachte, werde ich ganz schnell selber zu einem Zuschauer, der nur eins will: Lachen und zwar bis mir die Tränen kommen. Und ich möchte auch noch auf dem Nachhauseweg lachen und am besten auch noch eine Woche später.
Das ist in meinen Augen das Geheimrezept der nächsten Jahre: Besser, schneller und origineller als der Rest zu sein. Vielleicht muss man sein Programm ständig überarbeiten, vielleicht muss man ständig provozieren, vielleicht muss man Skandale heraufbeschwören oder vielleicht muss man ständig in neuen Kostümen auftreten, aber egal was man macht, man muss origineller und besser sein als der Rest.
Die Künstler, die wirklich großartig sind, brauchen sich keine Gedanken darüber machen, wie man ein Alleinstellungsmerkmal findet – sie werden es automatisch bekommen.

P.S.: Wenn du nicht nur ganz schnell Karriere machen möchtest UND auch noch Unsummen verdienen möchtest, dann solltest du wohl besser in den Investmentmarkt einsteigen, denn da kannst du mit mittelmäßiger Intelligenz Milliarden verdienen. Tipp: The big Short von Michael Lewis. (unfassbar …)

6 Kommentare »

  • Steve Dix schrieb:

    Ah! Du bist Zurück!

    # 18. Mai 2010 um 16:19 Uhr
  • Blogmitleser schrieb:

    Ich sag’s ungern, aber ich stimme dir in Deinere Analyse zu.
    Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Tat und in allen Branchen der Anknüpfungspunkt für einen Erfolg. Es ist schlichtweg gleichgültig, seinen Job, seine Aufgabe, sein eigenes Ding handwerklich ordentlich zu machen – dies ist eine Prämisse und wird schlicht nicht mehr diskutiert. Es sei denn, sie ist nicht erfüllt – dann sogleich ein Einfallstor für beißenden Spott oder Verachtung. Oder, nun ja, es gibt da noch diese mitleidigen Charmepunkte: der ist noch so jung, für ihr Alter ist die aber gut, nun ja, ist eben kein Profi ………. Ich frag mich, wie meine Mitmenschen damit zurechtkommen, einfach bloß normal gut zu sein? Mir jedenfalls fällt es manchmal schwer, „zuzugeben“ dass ich „nur“ „normal“ bin – das ist ja gleich das Eingeständnis des Versagens angesichts der Anforderungen der Gegenwart. Also: seien wir einfach besser – oder tun so. Die mit der mittelmäßigen Intelligenz aus „The big short“ (great reading suggestion!) konnten auch nur Millionen verdienen, weil sie immer wieder ein Publikum fanden, das ihnen abnahm, sie seien besser – - – als das Publikum. Das Publikum hat eben nicht gemerkt, dass diese mittelmäßg Intelligenten gekonnt im Mainstream mitschwammen und ihn auf ihre Weise jedes Mal einem neuen Kunden als neu präsentierten. Allerdings – das ist bei einem Bankkunden auch um Klassen einfacher als bei einem Comedy-Zuschauer. Oder hat hier jemand entsprechend hohe Vergleichseefahrungswerte in Sachen Bankkundenberater vorliegen wie in Sachen Comedian? Eben.

    Deshalb trotz der bitteren Wahrheit, dass man manche Sachen eben haben muss und nicht lernen kann, nicht hinter dem Kamin verstecken. Wie willst „Du“ sonst herausfinden, ob du „es“ nicht sogar hast?

    # 18. Mai 2010 um 23:14 Uhr
  • Martin Spitzer schrieb:

    Du hast leider Recht! Mehr kann man dazu wirklich nichts anderes sagen.
    Und als junger Anfänger ärgert man sich dann ständig, dass man nicht 20 Jahre eher geboren ist! GRRR

    # 20. Mai 2010 um 00:55 Uhr
  • Manuel schrieb:

    Wenn ich 20 Jahre eher geboren wäre, dann wäre ich ja noch älter, als ich eh schon bin. Das ist nicht gut.

    # 21. Mai 2010 um 21:02 Uhr
  • Oknarb schrieb:

    Ich finde das bedeutet doch eigentlich nur das die deutsche (Stand Up) Comedy endlich erwachsen geworden ist, d.h. aber auch das ein nach oben “schummeln” kaum noch möglich ist.
    Gut für alle Beteiligten finde ich.

    Und ob es vor 20 Jahren für einen Anfänger einfacher war seine Skills zu verbessern als heute wage ich auch zu bezweifeln.
    Heute sind die Auftrittsmöglichkeiten zahlreicher und besser, der Nightwash Club ist da nur ein beispiel, die immer häufiger veranstalteten Open Mic Abende ein anderes.

    Ein dickes Lob hier auch an Herrn Deuser, andere Comedy Produzenten habens ja nicht so mit der Nachhaltigen Nachwuchsförderung, sondern verbrennen einen potentiellen Star gerne mal mit halbgaren Programmen und Überpräsenz.

    Mit Blick auf die amerikanische Stand Up Szene haben die deutschen Künstler meiner Meinung nach noch viel Raum sich zu entfalten, neue Themen, neue Attitüden, neue Zielgruppen.

    I’ freu mi!
    und
    I gotta have more cowbell!

    # 23. Juli 2010 um 17:15 Uhr
  • Oknarb schrieb:

    Achso, willkommen zurück Herr Deuser!
    Ich hoffe man kriegt hier jetzt wieder öfter was zum lesen und kommentieren.

    I got a fever! And the only prescription.. is more blogposts!

    # 23. Juli 2010 um 17:17 Uhr

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